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Anders Arbeiten: Der Kopfstand der „Digitalen Nomaden“

Schon lange beschäftige ich mich mit den Fragen, wie ich leben und arbeiten möchte, wie es sich richtig anfühlt und ich glücklich bin. Dass der klassische 9 to 5-Job nichts für mich ist, war immer klar. Ich arbeite seit jeher eher unkonventionell und bunt. Dennoch hatte ich keine Ahnung, dass diese Einstellung ein Lifestyle sein kann und einen eigenen Namen trägt. Auf die Bezeichnung „Digitale Nomaden“ stieß ich erst vor zwei oder drei Jahren als ich verstärkt in der Blogosphäre unterwegs war und Blogs wie „Planet Backpack„, „Pink Compass“ oder „Um 180 Grad“ las.

Der Name „Digitale Nomaden“ klingt wild und schillernd und ist mehr als eine bloße Bezeichnung. Digital steht für digitale Dienstleistungen – also das Arbeiten im Internet (Text, Programmierung, Web-Entwicklung, Webdesign, Social Media-Management, Fotografie oder beratende Tätigkeiten). Nomadentum steht für Ortsunabhängigkeit. Digitale Nomaden sind also Menschen, die ortsunabhängig arbeiten und leben, die quer denken und sich das trauen, wovon viele träumen: das eigene Ding machen. Damit ich anschaulicher zeigen kann, worüber ich hier schreibe, habe ich Videos eingebunden – bewegte Bilder unterstreichen meine Worte… In diesem Sinne starte ich mit einem kleinen Vorgeschmack, was euch im Laufe dieses Textes erwartet.

Sind Digitale Nomaden egoistisch und nur geil auf Ruhm und Ehre?

Zumeist geht die Vorstellung über diese Freigeister damit einher, dass sie durch die Welt tingeln und Länder sammeln wie andere Menschen Briefmarken. Das muss aber nicht so sein. Manchmal sind sie auch lange Zeit an einem Ort – manche wohnen viele Monate im Jahr in Hamburg, andere auf Bali. Allein das Gefühl „Man kann weiterziehen“ ist es für sie wert, das Risiko einer Selbstständigkeit auf sich zu nehmen. Wobei der aufmerksamen Leserin schnell klargemacht wird: Wo ist das Risiko? Wer sagt dir, dass dein Arbeitsplatz in der Firma xy sicher ist?

Leider sind Digitale Nomaden mitunter mit Vorurteilen behaftet. Ihnen wird manchmal Rastlosigkeit, Geldgier und Egoismus unterstellt. Und ja, das häufige Wiederkäuen von Sätzen in diversen Blogs wie „Mein Leben ist so geil, mach‘ es genauso wie ich.“ lassen einen schnell diese Annahme treffen. Hinzu kommt ein scheinbares Desinteresse an Verpflichtungen, Familie und Freundschaften. Zugleich beschreiben sie das eigene Leben oft unglaublich blumig. Alles ist toll und irgendwie zuckersüß. Sie posten Sonnen- und Meerfotos und drehen Imagevideos und schmieden dadurch ein Bild, das einen faden Beigeschmack hinterlässt. Aber – und das musste auch ich mir erstmal klarmachen – natürlich sind Imagevideos zuckersüß. Sie sind Marketing. Marketing für die eigene Person, für den*die Selbstständige*n eben. So wie es jedes Unternehmen macht. Ist doch gar nicht so komisch, oder?

Beim Schauen der Videos merkt man: sie sind lernbegeistert, flexibel und mutig. Denn sie schreiben nicht nur, sondern fotografieren, beraten, drehen Videos und machen knallhartes Marketing. Wobei ich hinzufügen muss, dass nicht alle mit dieser Präsenz aufzufinden sind, sondern viele auch sehr unauffällig und im Stillen agieren. Je nach Berufsfeld – also ob Blogger*in, Coach oder Programmiererin – sind natürlich andere Mittel von Nöten.

Jawohl, dieses Lebensmodell ist eine Sozialkritik!

 

Digitale Nomaden entwerfen ein neues Bild von Arbeit. Sie zeigen Alternativen auf und kritisieren ein konservatives, überholtes System, das heutzutage nicht mehr für alle Menschen richtig sein muss. Es ist eine Sozialkritik, auch wenn Digitale Nomaden kaum politisch auftreten. Dabei können sie! Ausnahmen gibt es, wie Ben von Anti-Uni, der sich für autodidaktisches Lernen und alternative Bildungswege einsetzt.

Was sie in der Masse politisch erfolgreich machen kann, ist ihre unglaubliche Professionalität. Technikkenntnisse, Netzwerken und Weiterbildung sind nicht das notwendige Übel, sondern etwas, dass sie effektiv weiterbringt.

Digitale Nomad*innen arbeiten oft viel energischer und motivierter als viele Arbeitnehmer*innen. Denn sie arbeiten für ihre eigenen Überzeugungen. Und für alle gilt: gute Bildung und die Bereitschaft, immer weiter zu lernen, sind die Voraussetzungen für dieses Leben. Sie besuchen Workshops, lesen viele Bücher, belegen Online-Kurse, sie machen Coachings und besuchen Konferenzen. Es gibt sogar eine eigene Konferenz für Digitale Nomaden.

Es geht um Freiheit, Unabhängigkeit und ein selbstbestimmtes Leben

Das Leben als Digitale Nomadin muss nicht rastlos sein, eine Wohnung darf gekauft werden, jede*r kann sich das Leben in Selbstständigkeit so gestalten, wie er*sie es möchte. Es geht um eine neue Definition von Arbeit. Es muss kein Job sein, bei dem andere bestimmen, in welcher Stadt, in welcher Straße, in welchem Haus und auf welchem Bürostuhl du sein musst. Es geht darum, selber zu entscheiden, wann man produktiv ist, egal ob Sonntag oder Dienstag, ob morgens oder abends. Selber bestimmen, ob eine Sportpause oder ein Kaffee mit Freund*innen in diesem Moment gut ist und wann Urlaub angebracht. Niemand will nur faul auf der Haut liegen und die Ziele sind vielleicht höher gesteckt als bei manchen Arbeitnehmer*innen.

Natürlich ist diese Variante von Arbeit nicht immer möglich. Die Erzieherin oder der Krankenpfleger können nicht sagen: „Joa, heute Abend fühle ich mich total fit, dann komm ich mal vorbei, aber morgen früh möchte ich lieber zum Yoga.“ Aber ein Großteil der Büroangestellten würde nicht weniger produktiv arbeiten, wenn sie Sachen machen würden, die sie gerne machen, zu einer Uhrzeit, die ihnen liegt und an einem beliebigen Ort.

© Bartmann

Wer neugierig geworden ist, kann sich für kleines Geld (die Einnahmen werden komplett gespendet) die Filme „Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus“ und „Digitale Nomaden – Deutschland meldet sich ab“ online kaufen. Ich habe beide gesehen und finde sie gelungen. Der zweite Teil gefällt mir noch besser, da er nicht ganz so blumig und rosarot ist, sondern mehr nachhakt.

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