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Achtung! Die deutsche Kultur geht flöten!

Vorhin saß ich in der Straßenbahn nach Hause und wurde Zeugin eines Gespräches, bei dem mir, zur Abwechslung, übel wurde. Ein Mann um die 30, schlechte Zähne, Bier in der Hand, erzählte seiner Sitznachbarin, dass er in bestimmten Stadtteilen in Bremen nicht mehr wüsste, in welchem Land er sei. Er sagte, dass „diese ganzen da“ keine Bereicherung, sondern Belastung wären und dass so langsam „die deutsche Kultur flöten geht“. Von den Zweifeln meinerseits an seiner gesellschaftlichen Bereicherung einmal abgesehen, kam ich gedanklich vom Satz über die „deutsche Kultur“ nicht los.

Als Kultur wird gemeinhin das verstanden, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt. Ursprünglich aus der Landwirtschaft kommend, bezeichnet Kultur alles, vom Menschen Hervorgebrachte wie Technik, Kunst, Sprache, Religion oder Wissenschaft. Okay, damit lässt sich arbeiten. Aber was ist deutsche Kultur? Und warum geht die flöten? Wenn etwas verschwindet, geht es flöten? Dann kann Musik kein kultureller Bestandteil sein, wenn sie metaphorisch genutzt wird, um auszudrücken, dass etwas dem Untergang geweiht sei… Deshalb lasse ich diese im Folgenden vorsichtshalber weg. Wie kann man überhaupt von deutscher Kultur in Deutschland sprechen, wenn es Deutschland so wie jetzt vor 100 Jahren noch nicht gab? Was eint „die Deutschen“, wenn nicht der Nationalstaat?

Sprache

Andere Ethnien, Völker, Nationen, was auch immer, beziehen sich an dieser Stelle auf die Sprache. DIE deutsche Sprache gibt es eigentlich nicht. Sie lässt sich nämlich in zwei große Sprachkategorien einteilen: Niederdeutsch und Hochdeutsch. Wenn man „deutsch“ als Hochdeutsch definiert, wird es haarig. Bayrisch, Fränkisch, Schwäbisch, Rheinländisch, Sächsisch, Hessisch, Plattdeutsch sind Dialekte der deutschen Sprache und in Niedersachsen und an der Küste wurde übrigens sehr lange Zeit Niederdeutsch gesprochen. Spricht man von deutsch und meint das Deutsch, was überall in Deutschland verstanden wird, heisst es korrekt „Standarddeutsch“. Dazu gehört auch das Deutsch in Österreich und in der Schweiz. „Halbzentren des Standarddeutschs“ sind Liechtenstein, Luxemburg, Italien (Südtirol) und irgendeine Mini-Region in Belgien. Summasummarum: Deutsche Sprache als (exklusives) Element der deutschen Kultur zu bezeichnen, ist grenzwertig. Und um es noch komplexer zu machen: Viele Ausdrücke kommen aus anderen Sprachen, zum Beispiel aus dem Jiddischen (Kaff, Zoff, Schlamassel), aus dem Lateinischen (Fenster, Keller), aus dem Griechischen (Demokratie, Philosophie, Physik) – und – ups! – laut Wiki auch aus dem Arabischen (Magazin, Tarif, Orange, Kaffee, Alkohol, Benzin).

Zwischenfazit

Ist deutsch nun der deutsche Sprachraum? Ich denke, das meint unser Herr aus der Straßenbahn nicht. Ihm ging es eher um Deutschland. Also, da ich hier die ganze Zeit Korinthenkackerei betreibe, meint er wohl die „deutschländische“ Kultur. Oder wie soll man es bezeichnen, um zu unterscheiden? Deutschländisch heisst binnendeutsch, sagt der Duden. Ich denke, der Straßenbahn-Mann meinte mit deutscher Kultur die binnendeutsche Kultur. Das macht es nicht leichter.

Religion

Religion wird momentan gerne genutzt, um Deutschland und Europa von „diesen Flüchtlingen“ abzugrenzen. Christliches Abendland und so. Gut, die deutsche Religion ist also das Christentum. Ärgerlich, wenn man bedenkt, wieviele jüdische Menschen, großartige kulturelle Leistungen in Deutschland – oder dem Gebiet, was heute die BRD ist, vollbracht haben. Aber, das ist ja nun wirklich nicht neu, dass man angeblich nicht deutsch ist, wenn man jüdisch ist – bedenken wir die antijüdische, dann antizionistische, dann antisemitische und nun wieder antijüdische und antisemitische deutsche Geschichte.

Hinzu kommt, dass viele Festtage in Deutschland heidnische Bräuche beinhalten. Wie geht das? Ist doch schon wieder nicht christlich…

Philosophie, Politik, Soziologie, Kunst, Literatur

Viele Schaffende aus Wissenschaft, Kunst und Literatur hatten jüdische Wurzeln. Kein Thema, wenn man nicht pegida-like in den rechten Nationalismus „abdriftet“ oder das Christentum herhalten muss, um Deutschland zu definieren. Denn so fallen großartige Köpfe mit jüdischen Wurzeln wie Hannah Arendt, Theodor Adorno, Erich Fromm, Kurt Tucholsky, Max Liebermann, Heinrich Heine, Ernst Bloch, Martin Buber oder Albert Einstein weg. Viele andere, in Deutschland geborene und christliche Dichter*innen, Denker*innen und Kunstschaffende emigrierten während des Nationalsozialismus, wurden ausgebürgert oder ließen sich ausbürgern.

Essen und Trinken

Ich dachte kurz, das Einzige, was wirklich deutsch ist, sind Eisbein und Sauerkraut. Aber Recherchen ergeben, dass es diese kulinarischen Köstlichkeiten auch in Österreich und der Schweiz gibt. Knödel, Kartoffeln, Blumenkohl und Gulasch gibt es auch in Osteuropa zu Hauf. Pfannkuchen werden in allen Variationen überall auf der Welt gebacken. Pizza und Döner sind nun wirklich nicht deutsch. Aber der Harzer Roller, der ist deutsch. Immerhin. Und ja, Deutschland ist eine Bierkultur, das stimmt schon. Die Ägypter haben es zwar erfunden, aber hier in Deutschland wird gebraut, was das Zeug hält. Mein Straßenbahn-Freund ist das lebende Beispiel.

Also, was ist nun die deutsche Kultur laut Pegida & Co.? Ich weiss es einfach nicht. Ich weiss nur, dass ziemlich viel wegfällt, wenn man es auseinandernimmt. Und ich weiss, dass es schwer ist, Kultur auf eine Nation festzulegen. Und, dass es der Kultur schadet, es zu machen. Sie schrumpft auf ein Minimum und zudem passen Kultur und Nationalismus, Kultur und Exklusion und Kultur und Pegida überhaupt nicht zusammen.

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