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Von kleinen und großen Bs: Podien, Barcamps und der eigene Schatten

Barcamp Frauen Berlin Tasche mit Slogan "Lesen statt Putzen"

Das Jahr ist noch im Krippenkind-Alter und schon ist viel passiert. Besonders der März – läpp’sche 20 Tage jung – war bislang sehr inspirierend und motivierend für mich. Begonnen hat er mit meiner ersten Podiumsdiskussion gefolgt vom Barcamp Frauen. Zum Podium: So eine Aufregung! Ich hätte lieber einen Vortrag vor 200 Menschen gehalten als Teilnehmerin einer Diskussionsrunde zu sein – das Unbekannte macht einfach immer etwas Schiss. Ich bin froh, dass ich dem Angst-Stimmchen in mir nur wenig Raum gegeben habe, denn ohne über den eigenen Schatten zu springen und die Komfortzone anzutasten, kommt man ja nur selten voran. Man wächst mit seinen Aufgaben und das habe ich deutlich zu spüren bekommen.

Das große kommt ins kleine B und das bereichert alle!

Podium Stopp! Kein Sexismus im Netz!.

ich, Magda und Sarah

Das Podium „Stopp! Kein Sexismus im Netz“ wurde von belladonna und der ZGF organisiert und war mit tollen Frauen besetzt: Magda Albrecht – Bloggerin, politische Bildnerin und Aktivistin, Anne Wizorek – Bloggerin, #aufschrei- und #ausnahmslos-Initiatorin und Aktivistin waren die beiden „Promis“ aus Berlin. Auf der bremischen Seite saßen Brigitte Boomgaarden – Mitarbeiterin von belladonna, Studierende und angehende Bloggerin; Sarah Kumpf als Moderatorin von Radio Bremen und ich. Eine interessante Runde und es war spannend, näher in die professionelle, aktivistische Arbeit hineinzuschauen, die Magda und Anne für sich bereits etablieren konnten. Die Veranstaltung war für Bremer Verhältnisse gut besucht und erstaunlich heterogen – Frauen und Männer von jung bis älter waren dabei. Zukunftsweisend, wie ich finde, da die Bremer Frauen- und Genderpolitik-Szene bislang eher von Frauen über 50 dominiert ist und für „jüngere Themen“ nur halb soviel Potential bietet wie sie könnte. Nach einem Impuls durch Anne Wizorek zum Thema Sexismus und Hate Speech diskutierten wir über eigene Erfahrungen, die verschiedenen Facetten von Sexismus im Netz, Umgangsweisen damit und Gegenstrategien. Die Frage, in wiefern die unsägliche Kommentar- und Hasskultur, die sich im Netz auf rassistische und sexistische Weise Gehör verschafft, eine Gesellschaft beeinflussen und verändern kann, kam dabei leider zu kurz. Besonders im Hinblick auf die derzeitige politische Situation in Deutschland und die Nach-Köln-Ära wäre eine intensivere Auseinandersetzung mit dieser Problematik mit großem Mehrwert verbunden. Hier wurde nur sehr sanft an der Oberfläche gekratzt. Die Veranstaltung war für so eine Diskussion vielleicht auch etwas zu allgemein. Wenn man sie als eine Art Einführungsveranstaltung zum Thema Feminismus und Sexismus im Internet mit dem Schwerpunkt Hate Speech begreift, war es wahrscheinlich genau richtig so.

Leicht beschwingt ob meines Mutes konnte ich danach in den März starten. Ich stellte fest, dass mir diese Art von Arbeit viel Freude bereitet, ich als introvertierte Person noch immer nicht tot umfalle, wenn ich vor Menschen spreche und noch so viel Arbeit vor uns liegt, damit Feminismus nicht mehr als „Ihh bäh, brauche ich nicht“ oder als exklusiv weiblich verstanden wird.

Vom kleinen ins große B – Barcamp Frauen

Barcamp Frauen Berlin Tasche mit Slogan "Lesen statt Putzen"Mit diesem Hochgefühl verließ ich eine Woche später Bremen, um das Barcamp Frauen in Berlin zu besuchen. Und wow, was für ein Glück, dass ich das gemacht habe! Auch dies war eine neue Erfahrung für mich, ich hatte keine Ahnung, was ein Barcamp eigentlich ist, mir sprangen einfach die Inhalte ins Auge als ich beim Surfen darauf stieß. Ein Barcamp ähnelt einer Tagung, ist aber sehr viel demokratischer, offener und hierarchiefrei gestaltet. Man bezahlt nichts oder nur einen Minimalbetrag, da die Veranstalter*innen zuvor Sponsor*innen anwerben. Die Workshops oder Sessions, die dort angeboten werden, werden erst kurz vorher, manchmal auch erst am selben Tag, bekannt gegeben. Die Sessiongeber*innen halten oft ein kurzes Impulsreferat, um in das Thema einzuführen. Im Anschluss wird das Thema mit den Teilnehmenden inhaltlich weiter diskutiert und entwickelt.

Das Barcamp Frauen war unglaublich gut organisiert. Letztes Jahr nahmen noch 160 Menschen teil, dieses Jahr waren es bereits 500. Von dieser Menge an Personen war kaum etwas zu spüren. Die Stimmung war entspannt, arbeitsintensiv, motivierend und gut gelaunt. Alles lief wie am Schnürchen, die Räume der Kalkscheune waren super schön, die Sessions toll durchgeführt (man spürt einfach, dass die Menschen für ihre Themen brennen und nicht da sind, weil sie es sein müssen) und die Getränke und Speisen sehr lecker.

Der Sessionplan war folgender: Es gab immer acht Sessions parallel, dann eine Pause und dies noch zwei weitere Durchgänge lang. Das heisst, man musste sich für drei Sessions entscheiden oder von A nach B rennen, was allerdings wenig Sinn macht, wenn man inhaltlich auch davon profitieren möchte.

Ruby, Tessa und Tarik

Ada und Malwine

Ada und Malwine

Mir fiel es richtig schwer, meine drei Sessions auszuwählen. Ich entschied mich für eine Einführung ins Programmieren von zwei Dawanda-Programmiererinnen (Kathrin und Malwine)  – superbasic für Leute, die noch niemals programmiert haben. HTML und CSS zählt übrigens nicht, wie ich gelernt habe. Das sind nämlich Auszeichnungs- und keine Programmiersprachen, sie sorgen für die Optik, aber lösen keinerlei Aufgaben. Man kann es vielleicht, wenn man es denn möchte, mit Schminken vergleichen: HTML ist die Grundierung, CSS ist Wimperntusche und Lippenstift, aber eine Programmiersprache ist der Akt des Schminkens – die Bewegungen, die auf eine bestimmte Art und Weise durchgeführt werden müssen, damit die Wimperntusche nicht im Mund landet. Dementsprechend nutzt man HTML und CSS für Websites und Programmiersprachen für Anwendungen. Naja, wir haben noch mehr gelernt, aber ich kann es nur stümperhaft weitergeben. Die beiden haben sich alle Mühe gegeben, uns ein erstes Verständnis nahezubringen, sie empfahlen uns z.B. die Sprache Ruby und schickten im Anschluss allerhand Links rum, die uns auf unserem Weg zur Programmiererin weiterhelfen sollen. Die Message, die ihnen besonders wichtig war: Mehr Frauen in die Programmierung! Schluss mit der Männerdomäne! Es macht mächtig, selbstständig und bietet das Wissen, um bei gesellschaftlich relevanten Themen wie zum Beispiel Open Source mitreden zu können. Als kleines Gimmick meinerseits empfehle ich die Initiativen weiter, die Malwine per Mail geschickt hat.

Teresa BückerNach der Mittagspause ging es weiter mit einer Session von Teresa Bücker – als Aktivistin und Bloggerin ist sie unter dem Namen Fräulein Tessa schon lange bekannt, seit einiger Zeit ist sie Redaktionsleiterin bei Edition F. Sie gab einen Impuls zur besseren Vernetzung von Online und Offline-Aktivist*innen und Organisationen. Das Fazit aller: Nur gemeinsam wird man stärker! So wäre es Gold wert, wenn sich zum Beispiel Gleichstellungsbeauftragte und Aktivist*innen, die sich besonders viel im Internet rumtreiben, gegenseitig bereichern und ihr Wissen weitergeben würden. Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht, dass sowas deutschlandweit nur selten klappt. Bremen muss eine echte Ausnahme sein, denn hier arbeitet die Gleichstellungsstelle mit vielen anderen Menschen fernab der Behörde zusammen. Aber Ausbauen kann man natürlich immer! In der Diskussion im Anschluss forderten Frauen, die eher in Offline-Strukturen arbeiten, dazu auf, dass man gemeinsam arbeiten solle und sie viel Potenzial und Hilfestellungen bezüglich Räumlichkeiten und Organisationsvernetzung böten. Teresa hatte übrigens ihre Tochter dabei und hielt während des Stillens so professionell ihren Vortrag, dass ich mich wundere, warum diese Art der Vereinbarung im „Real Life“ nur so selten zugelassen wird.

Last but not least ließ ich mich von Tarik Tesfu inspirieren. Er ist der Star seines YouTube-Channels „Tariks Genderkrise“ (über die ich hier schonmal berichtet habe). Er erzählte, dass ihn die ständigen Diskussionen und Streitereien mit anderen Menschen bei Gender-Themen so angestrengt haben, dass er beschloss, damit auf humorvolle Art in den Mainstream zu gehen, um die Menschen auf sanfte Weise zum Nachdenken zu animieren. Es war ein lockerer Abschluss mit dem Wink mit dem Zaunpfahl der eigenen Seelengesundheit zuliebe, an den richtigen Stellen Humor walten zu lassen, ohne sich selbst zu verraten. Ich kann nur sagen: Tariks Arbeit ist einfach spitze und ich betrauere die Medien, die ihm auf ihren Websites keinen Platz geben wollen, weil er zu sehr „Nische“ ist…

Letztlich kann ich nur jede*m empfehlen, das Barcamp Frauen nächstes Jahr zu besuchen und sich inspirieren zu lassen. Nicht zuletzt bekommt man hier zudem mit, was grad so los ist in der Genderpolitik. Zum Beispiel sind mir diese Statements aus allen drei Sessions besonders hängen geblieben:

„Nicht der Feminismus muss Mainstream werden, sondern der Mainstream feministisch!“ (Teilnehmerin bei Tariks Session) | Mehr „für“ als „gegen“ – Wut und „Anti“ sind sehr wichtig für das politische Handeln, aber bremsen auch. | Vernetzung, Vernetzung, Vernetzung: jung, alt, online, offline | Weniger Bashing innerhalb der Szene! | Raus aus dem Elfenbeinturm!

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